Pilgerfahrt -pilgrimage-

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“Jenseits aller Gedanken, Gefühle und Vorstellungen
gibt es ein inneres Heiligtum, das wir nur selten betreten.
Es ist der Wesensgrund der Seele, wo alle Anlagen und Fähigkeiten
ihre Wurzeln haben und welches das wahre Zentrum unseres Seins ist.”

Bede Griffiths

Schon lange war es mein Plan, eine Art großes “Nest” zu bauen.
Inspiriert durch die vielen Arbeiten, Gespräche und Fragen zu Rilkes
STUNDENBUCH startete ich endlich die Vorbereitungen dazu.
Das Scriptorium bietet dafür die perfekte Kulisse.
Statt der Arbeitstische war in der Mitte des Raumes nur ein einziger
großer, schwarz bezogener Tisch mit einer Installation aus Licht und
Stacheldraht. In der Mitte des “Nestes” stand eine schwere Schale mit
losen goldenen Fäden, ein paar Schriftfragmenten und etwas knittrigen Goldfetzchen…
Die Grundidee, viele Texte und Fragen, die ich seit Jahren notiere,
finden sich in dieser Installation bisher nur fragmentarisch wieder.
Aber wieder einmal ist ein erster Schritt gemacht, und noch etwas
zögerlich mache ich mich weiter auf den Weg…

Am Abend des Lichterfestes war das Scriptorium geöffnet für alle,
die zu einem kleinen Bummel durchs Dörfchen gekommen waren.
Viele haben umherliegende Kieselsteine mit für sie wichtigen Worten
beschriftet, so dass sich um das Nest ein Steinkreis mit verschiedensten
Inschriften gebildet hat. Während man das Nest lesend umkreisen konnte,
wurden auch Geschichten und wichtige Erlebnisse in anregenden Gesprächen ausgetauscht.
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aus meinem Skizzenbuch

Am nächsten Morgen ging es auf die nächste Reise nach Weimar…
Dort haben wir wieder im Bienenmuseum unseren Platz gefunden und
diesmal in “Serie” gearbeitet. Ein gleiches Thema haben wir in seinen
verschiedenen Variationsmöglichkeiten beleuchtet. Mit Prägungen,
spontanen Zeichen und überlegten Kompositionen sind wunderschöne,
vielseitige Arbeiten entstanden. Vielen Dank an alle, die sich wieder so
mutig in unbekannte Abenteuer gestürzt haben!

Jetzt werden die Eindrücke des aufregenden Workshop-Sommers
wie die Erinnerungen einer Reise erst einmal sortiert, bevor es weitergeht…
Jedes einzelne Detail taucht vor meinem inneren Auge wieder auf und hat eine besondere Bedeutung, die ich oft auf den ersten Blick gar nicht wahrgenommen habe. Jetzt, im Innehalten und in der Rückschau sehe ich in den vielen einzelnen Erlebnissen einen Pfad, dem es weiter zu folgen gilt…

RILKE & Co.

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Aus meinem Skizzenbuch “Rilke” das Gedicht :”Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz.”

“Der Vorteil der Poesie ist,
dass sie uns daran erinnert,
wie schwer es ist,
man selbst zu bleiben,
denn unser Haus steht offen,
die Tür ist schlüssellos,
und unsichtbare Gäste
gehen ein und aus.”

-Ceszlaw Milosz-

Laurie Doctor und ich haben zum Sommerthema “STUNDENBUCH”
von R.M. Rilke ins Scriptorium eingeladen. Die Idee zur zweisprachigem
Annäherung an Dichtung hat sich als ungeheuer bereichernd herausgestellt.
“Übersetzungs-Eigenheiten” und Interpretationen machten SPRACHE
“mehrschichtig” les- und fühlbar und haben zu einem viel tieferen
Textverständnis geführt und auch ganz eigene Deutungen ermöglicht.

“Du siehst, ich will viel”, ein Gedicht aus dem ersten Teil des Buches,
Vom mönchischen Leben, haben wir neben anderen Gedichten näher
untersucht. Einige haben die ersten Tage mit Rilke gelegentlich “gekämpft”.
Vieles ist nicht leicht verdaulich, manchmal sogar sperrig und nicht jeder
stimmt dem Gesagten zu. Die eigene Position zu finden ist vielleicht die
wesentliche Aufgabe in der künstlerischen Auseinandersetzung mit Dichtung.

Du siehst, ich will viel

Du siehst, ich will viel. 

Vielleicht will ich Alles: 

das Dunkel jedes unendlichen Falles 

und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.



Es leben so viele und wollen nichts,

und sind durch ihres leichten Gerichts

glatte Gefühle gefürstet. 



Aber du freust dich jedes Gesichts,

das dient und dürstet.


Du freust dich Aller,
die dich gebrauchen 
wie ein Gerät.



Noch bist du nicht kalt,
und es ist nicht zu spät, 

in deine werdenden Tiefen zu tauchen, 

wo sich das Leben ruhig verrät. 


Vielen Dank an alle, die diese Woche mitgestaltet haben und zu dem
besonderen Ereignis gemacht haben! Danke für den Gedankenaustausch
und die lebendigen Beziehungen, die daraus entstanden sind.

Laurie und mir war es eine große Freude. Wir hatten auch jenseits des Kurses intensive Gespräche über Dichtung, Sprache und die sich daraus ergebenden Fragen und haben den Plan gefasst, im März 2019 in Taos/New Mexico ein ähnliches Programm anzubieten.

Fortsetzung folgt…

Die Liebe zur Arbeit – oder: Was wir vom gärtnern lernen können

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Ich hatte neulich das besondere Vergnügen zu einem Rundgang durch einen der schönsten Gärten, die ich kenne, eingeladen zu werden.
Das Wetter war durchwachsen, aber die Stimmung der anderen
Gartenbesucher gut gelaunt, charmant und anregend. Während der fachkundigen Führung des Gartenarchitekten und Besitzers Peter Janke durch seinen bezaubernden HORTVS (in dieser alten Schreibweise) habe ich viel mehr gesehen und gehört, als wenn ich dort allein entlang geschlendert wäre. Er hat uns auf Blickachsen, auf Blattformen und -Farben und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Pflanzen, was Bodenqualität und Lichtbedingungen betrifft, aufmerksam gemacht. Dazu die Wirkung des Gartens zu verschiedenen Jahreszeiten; er hat von der Pracht kahler, aber rot, gelb und weiß gefärbter Äste geschwärmt. Damit hat er ein kreisrundes Flammenmeer für den sonst eher kargen Winter “gemalt”. Es gab romantische Wiesenflächen und verwunschene Waldbereiche.Dazu sind poetisch kraftvolle Metallskulpturen im Garten positioniert, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen…

Aber ganz besonders beeindruckt hat mich die Geschichte des Bodens.
Dass nämlich zu Vorzeiten hier (in Hilden) der Rhein zeitweise sein Bett
hatte, “er mäanderte durch die Landschaft” und hinterließ so seine Spuren.
Sand und Sumpf zum Beispiel, um nur zwei der sehr unterschiedlichen
Bodenbeschaffenheiten zu nennen.
Wie ein Fährtenleser muss nun der Gärtner sie deuten, um die richtigen
Entscheidungen bei der Wahl seiner Pflanzen für die verschiedenen
Bedingungen zu treffen.
Ich dachte immer, Gärtnern ist eher ein Hoffen auf Wachstum, ein
Ausgerichtetsein auf die Zukunft. Aber wie hier die jahrtausendealten
Spuren im Erdboden mit dem schöpferischen menschlichen Geist
zusammenfallen hat mich beschäftigt.
Denn seine Gartengestaltungen waren überall unaufgeregt und im Einklang
mit der Umgebung, die natürlichen Gegebenheiten respektierend
(z.B. das vielbefahrene Hildener Autobahnkreuz in Hörweite).
Dieser Garten war nicht wie ein romantisierendes UFO aus der Vergangen-
heit hier gelandet, sondern pragmatisch, kraftvoll und künstlerisch zugleich.

Gärtnern draußen mit der Natur ist natürlich etwas gänzlich anderes als
die inwendige und gedankenvolle Stille der Kalligraphie, und doch…
auch hier spielt -zumindest die kulturelle- Vergangenheit eine große Rolle.
Sie ist die (oft unsichtbare) Basis, auf der kreatives Wachstum und
Kommunikation erst möglich werden. Sie bewahrt unser lebendiges
Erbe, auf das wir keinen Einfluss hatten, das uns einfach von unseren
Ahnen geschenkt wurde…
Wenn wir Kenntnis von unseren kulturellen Wurzeln haben, wenn wir
sie anerkennen und lieben, können wir aus diesem Reichtum schöpfen.
Dann werden unsere Arbeiten weder verkrampft, unsicher oder
manieriert wirken, sondern eine lebendige Frische und gleichzeitig
Substanz ausstrahlen.
UND: Wir können unserer Phantasie dabei freien Lauf lassen,
sie weiter entwickeln und gelegentlich zum Blühen bringen!

Danke Marion für diesen schönen Nachmittag!

Wer Lust hat den Garten (mit Staudenverkauf) zu besichtigen:

https://www.peter-janke-gartenkonzepte.de/de/

Das Foto ist leider nicht aus diesem Garten (hatte die Kamera vergessen) sondern aus meinem eigenen.

Über das Sehen, Wahrnehmen und Erkennen

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Es gibt eine unüberSICHTliche Fülle an Wörtern, die sehr
unterschiedliche Facetten des “Sehens” beschreiben.

Und mit Sehen ist nicht nur das gemeint, was das Auge zu sehen
imstande ist. Vom einfachen Umschauen zB in einer Landschaft bis
hin zum geistlichen Sehen in biblischen Geschichten. Manchmal
liegt im Sehen sogar eine AbSICHTsbekundung.
Begriffe rund um das Sehen, meinen ein Erkennen, ein Wahrnehmen.
Oft sind alle Sinne gemeint. Mit “ich sehe” kann sogar eine über-
sinnliche Ahnung gemeint sein…
es gibt EINsichten und AUSsichten und eine ÜBERsicht.

Paul Klee sagt:
“Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.”

Matthias Claudius ahnt in seinem berühmten Abendlied ebenso,
dass auch nicht sichtbares dennoch da ist.
“Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehen.”

Es gibt das symbolträchtige Auge des Horus, welches, obwohl
im Kampf zerstört, hinterher wieder geheilt zum Symbol für Licht,
Ganzheit und Heilung wurde.

Und es gibt natürlich den berühmten Satz des Fuchses aus
“der kleine Prinz”, der sagt, dass das Wesentliche nur mit dem
Herzen und nicht mit den Augen gesehen werden kann.

Das Sehen und Wahrnehmen künstlerischer Arbeiten nimmt immer
mehr als nur das Auge in Anspruch, ob es bei der Kreation selbst
ist oder später, wenn sich der Betrachter damit auseinandersetzt.
Es gibt etwas, das auch jenseits des Auges “gelesen” wird.
Diese Berührung mit dem Herzen oder der Seele findet lediglich
durch die Augen statt, aber es braucht den ganzen Menschen, um
zu “erkennen”.

ZEITeinganzerlangertagSPANNE

IMG_4799Was passiert, wenn zwei Kreative sich zusammentun und einen
ganzen Tag “OHNE alles” planen?
Ohne Telefon, ohne Emails, ohne Konzept, ohne Termine…
kurz, ohne alles, was Druck machen könnte oder ablenkend vom
freien Tätigsein und Gedankenfluss ist. Dafür MIT viiiel Zeit…
Zeit für Milchcafé und Gespräch, Zeit zum Schweigen und
Meditieren, Zeit zum Nachdenken und “Insichhineinhorchen”,
Zeit zum Ausprobieren, spielen und experimentieren.

Die Idee stammt, wie meistens, aus einer flapsigen Bemerkung,
“wie schön es doch wäre, wenn…”
Denn gerade die, die Kreativität zu ihrem Beruf gemacht haben,
beklagen den Zeitmangel und die Ablenkung durch andere (sicher
auch wichtige) Dinge. Der schöpferische Strom scheint immer
irgendwie in Gefahr zu sein.

Also gesagt, getan: Termin vereinbart und sich Ungestörtheit erbeten.
Mit Spannung und Vorfreude haben wir diesen Tag erwartet und uns
dabei stets versichert, dass wir keine erdrückenden Erwartungen haben.

Wir haben mit Tee und Meditation begonnen und uns danach notiert,
was uns wichtig erschien. Wir haben konzentriert sortiert, gegrübelt,
skizziert und ausprobiert ….
Eine tätige Stille kam über uns, oder eher in uns. Sie hat uns durch den
Tag getragen, uns zentriert. Es sind Arbeiten und Arbeitsansätze auf
großen und kleinen Formaten entstanden. Wir haben Fragen gefunden,
die für unser weiteres Schaffen wichtig sind.

Es ist sooo interessant, wie unterschiedlich die Arbeitsweisen sind,
dass ich kurz davon berichten muss…
Die “Gedankensammlerin” Brigitte ist auch eine gute Zuhörerin und
richtet dann ihre Aufmerksamkeit wie einen Scheinwerfer, oder besser
gesagt, wie mit einer Lupe auf die kleinen, flüchtigen “Gedankenwesen”
und legt sie behutsam in ihr “Gedankenarchiv”. Dazu benutzt sie eine
Vielzahl von Stiften und Farben, die sie sorgfältig und griffbereit vor
sich aufgereiht hat, und trägt alles erst mal feinsäuberlich in ihre
verschiedenen (natürlich farblich sortierten) Notizbücher ein.
So ist eine erstaunliche Arbeit auf einer großen Tapetenrolle mit viel
Freiraum für jeden einzelnen Gedanken entstanden. Alles hat genug
Platz, um sich entfalten zu können. Wie schillernde Schmetterlinge
habe ich die Farben und Linien bestaunt.

Meine eigene Arbeit war ein Büchlein in japanischer Heftbindung
mit zweierlei Papieren. Stundenlang habe ich gemessen, zugeschnitten
gelocht und geheftet, auch noch mit silbernen Fäden, die sich ständig
aufdröselten. Es hat viel mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich
erwartet habe…
Als ich endlich fertig war, hatte die blaue Stunde schon begonnen. Ich
habe diese Zeit genutzt, um nur mit Bleistift einfach meinen Gedanken
zu folgen. Dazu ein paar spontane Übungen, die ich immer schon mal
ausprobieren wollte. Ein paar Schwünge, etwas Gold (ohne geht es bei
mir einfach nicht) … dabei heraus kam etwas leichtes träumerisches,
fragmenthaftes. Vor allem aber viele Ideen, die ich zu gegebener Zeit
vertiefen möchte.

Es gibt kein Resümee, aber vielleicht spricht es für sich, dass wir
gleich einen weiteren Termin vereinbart haben…

Vielen Dank, liebe Brigitte, für die Fotos und diesen intensiven Tag !
Wer sich ein Bild von Brigittes Arbeiten machen möchte, kann diesem Link folgen.

http://www.brigitteborchers.de/

BE-SINNUNG Nachdenken über Schrift

 

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Der Verlust der Handschrift in unserer Kultur ist ein Thema, das
immer wieder an mich herangetragen wird… eigentlich höre ich
dazu wenige neue Aspekte als Frustration über die “handschriftlose”
Jugend und die Beziehung zwischen Handschrift und Persönlichkeit,
das Ganze gewürzt mit Schelte auf die neuen Medien. Dazu hat
neulich ein Radiosender angefragt, was ich “als Fachfrau” zu
Handschrift, Handlettering und Kalligraphie meine…
Es wird also Zeit, dass ich mir dazu ein paar konkrete Gedanken mache!

Um es vorweg zu sagen, ich gehöre nicht zu den “Schrift-Fundamentalisten”,
denn “früher” war sicher nicht alles besser. Die Kinder mussten Schrift
unter Druck und Repressalien lernen, Linkshänder wurden “um-erzogen”,
ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das persönlichkeits-
fördernd wirken soll!
Aus meiner eigenen Praxis und den Beobachtungen in Kalligraphie-
Seminaren kann ich jedoch feststellen, dass man auf einem Stück
Papier sehr wohl die Facetten seiner Persönlichkeit kennenlernen kann,
und das müssen nicht immer die angenehmsten sein…
wie gesagt, “das Selbst verdoppelt sich in der Geste der Schrift”. V.F.

Es gibt wissenschaftliche Studien über den Wert der Handschrift, aber
warum wenden sich die Schulsysteme und die Gesellschaft derzeit
davon ab, obwohl doch scheinbar bewiesen ist, wie unverzichtbar sie ist?
Vielleicht hat die moderne Welt einfach allgemein wenig Zeit für all die
Dinge, die die SINNE ansprechen. Allenfalls hobbymäßig hat Schrift eine
Bedeutung wie neuerdings der Erfolg des “Handletterings” zeigt.
Es ist in meinen Augen eine schöne Wiederentdeckung der Handschrift,
oder ein Einstieg in die Kalligraphie, es ist vor allem alltagstauglich für
Grüße und Wünsche. Und es zeigt die Lebendigkeit der Schrift,
auch und gerade im digitalen Zeitalter!

Aber Schreiben ist mehr!
Schreiben ist ein sinnliches UND geistiges Erlebnis!
Dabei bin ich ganz “bei mir”, erlebe mich als Ganzheit.
Spontan, intuitiv und doch bewusst handelnd in konzentrierter,
selbstvergessener Gelassenheit.
Schreiben ist ein Mitschwingen in den eigenen Rhythmus, bedeutet
Resonanz und Erfahrung, Austausch und Begegnung mit mir selbst
und der Welt, in der ich lebe. Es lässt die künstlerische, schöpferische
Seite in mir lebendig werden, manchmal nur für Augenblicke.
Der persönliche Ausdruck von Gedanken in Worte
und in Schrift ist ein hohes freiheitliches Gut. Es ist weit mehr als
ein Hobby, Schreiben ist aktive Gestaltung unserer Gesellschaft.

Abschließend dazu einige Gedanken von Jaume Plensa:

Ein BUCHSTABE
gleicht einer mit einem Gedächtnis begabten Zelle. Eine Letter in
einem Alphabet ist etwas sehr präzises, das über Generationen
hinweg entwickelt wird und der beste Ausdruck für Kultur.
Eine Zelle allein ist biologische gesehen gar nichts, aber zusammen
mit anderen bildet sie ein Organ oder einen Körper, und so ist es
auch mit Buchstaben. Jeder Buchstabe bewahrt sein Gedächtnis
und seine Persönlichkeit, auch wenn er dem komplexeren Körper,
dem bedeutungsvollen Text dient.
Darin liegt in meinen Augen eine schöne Metapher für Vielfalt.
Mit Text lässt sich Kultur machen, und mit einer Kultur lässt
sich alles machen.

 

WORT.SCHÄTZE

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Der dritte SALONabend -und der erste im Salon des Scriptoriums-
stand unter dem Motto “WORT.SCHÄTZE”.

Ich glaube, wir alle haben im Vorfeld gar nicht gewusst, wie
vielfältig, widersprüchlich, ausdrucksstark und schier unfassbar
die Bedeutung des Wortes eigentlich ist, die sich uns an dem
Abend aufgeblättert hat.

Zuerst haben wir über die unterschiedliche Bedeutung von
Muttersprache, Wortschatz und Vokabular nachgedacht.
Jemand hat seine Inspiration beim Spaziergang mit dem Hund
gefunden und Silben, Betonungen und Zusammenhänge
verdreht und wieder neu zu lautmalerischen Wundergedichten
zusammengesetzt.
Geschichten von tragenden Erinnerungen und Erkenntnissen
über Zeit, die man im Glas finden kann, wurden gelesen.

Wir haben die bedeutungsVOLLE “Leere” im Haiku kennen-
gelernt, und fast verloren geglaubte, etwas angestaubte
Wortschätzchen mit ihren alten, vertrauten Klängen wieder
ein wenig aufpoliert und ihnen nachgelauscht, es wurden alte
und neue Gedichte vorgetragen.
Das Zuhören wie das Erzählen und das Schweigen haben uns
berührt und uns damit mehr als einmal Gänsehaut bereitet…

Vielen Dank allen Teilnehmerinnen für diese wunderbare Reise!
Wir haben wirklich ein paar “WORT.SCHÄTZE” gehoben…

P.S. Im Juli ist der nächste SALON-Abend unter dem Begleitthema
“Gänsefüßchen”… ich freue mich schon!

Neue Räume betreten Vol. II

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“Der Raum ist ein Zweifel,
ich muss ihn unaufhörlich abstecken,
ihn bezeichnen; er gehört mir niemals,
er wird mir nie gegeben, ich muss ihn erobern.”

Georges Perec

Im März 2015 habe ich meinen allerersten Blogbeitrag geschrieben
mit dem Titel “NEUE RÄUME BETRETEN”.
Dabei hatte ich das so wörtlich gar nicht im Sinn…

Nun betrete ich jeden Tag die neuen Räume des Scriptoriums und
sehe und höre jedesmal etwas neues, unbekanntes. Die Geräusche
und Gerüche des alten Gebäudes, das Gurgeln in den Rohren, wenn
die Heizung anläuft.
Der Lichteinfall je nach Wetter und Tageszeit, die Lichtbrechungen der
vielen, kleinen Fensterscheiben, die frisch geweißten Wände, wo mal
Bilder einer Ausstellung hängen sollen. Ich ziehe noch leere Schubladen
auf, und was ich NICHT sehe, ist dringend benötigtes Werkzeug! …
Erst beim Arbeiten merke ich, wieviel man eigentlich täglich zur
Hand nimmt… Ich fahre also wieder los, besorge, schichte um,
schaffe erste Strukturen.
Die Cafémaschine läuft wenigstens, wie wunderbar!
Innehalten, umschauen, grübeln … und Café trinken!
Wie schön ist es, ganz am Anfang von etwas zu sein!
Natürlich fällt mir auch Hermann Hesses Stufengedicht ein
mit den magischen und vielzitierten Zeilen:

“Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns
beschützt und der uns hilft, zu leben.”

Dieses Gedicht (und nicht nur diese Zeilen) kommt in vielen
Lebensphasen immer wieder, und immer wieder neu und immer
wieder anders… Deshalb hier nochmal in voller Länge:

Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,

Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

An dieser Stelle möchte ich mich auch ganz herzlich bedanken
für all die zahlreichen Glückwünsche, die besondere Wertschätzung,
die bereichernden Gespräche, die wunderschönen Blumen und Geschenke
zum Eröffnungstag! Ich bin sehr berührt! DANKE!

Ich wünsche Ihnen allen einen sonnigen und fröhlichen Frühlingsbeginn!

Willkommen im SCRIPTORIUM in der alten Stanzerei

 Am Ende bin ich selten da, wo ich hinwollte,

aber ich ende eigentlich immer da, 

wo ich letztlich sein muss. 

Douglas Adams

 

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Nach einigen Wochen harter Arbeit ist es endlich soweit….
es wird wieder gearbeitet in der alten Stanzerei! Es ist schon vorher ein wunderbarer Ort gewesen, aber jetzt ist es vollkommen. Viel Platz für Kreativität, für Konzentration und Kontemplation…
An diesem Wochenende fand auch gleich der erste Kurs statt:
Buchbinden mit Anna Helm.

Anna hat eine Box mit vielen Büchlein und Heften vorgestellt, die die Teilnehmer dann Stück für Stück und Blatt für Blatt, mit Leim, Nadel und Faden und großer Begeisterung erarbeitet haben.

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Noch am Vorabend des Kurses sind die letzten Lampen angeschlossen worden,
der Schreiner hat die Tischplatten gebracht und wir haben geschleppt
und geschrubbt, gesägt und aufgebaut, Kursmaterial und Kekse besorgt.
Mein ganz besonderer Dank gilt dem wunderbaren Handwerksteam von
Frank Blankenburg aus Wuppertal, der sofort das in den Räumen noch schlummernde Potenzial gesehen und dann behutsam “freigelegt” hat,
und Nika, die mit ihrer unermüdlicher Unterstützung, mit Enthusiasmus und strahlendster Laune das Unmögliche möglich gemacht hat!

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Inzwischen ist auch ein gemütliches, altes Sofa in den “Salon Klosterblick” eingezogen und ein monumentales Schreibpult, welches aus den Praxisräumen des im 18. Jahrhundert berühmten Augenarztes Dr. de Leuw ausgemustert wurde, komplettiert nun die Kursraum-Ausstattung aufs Edelste.

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Zukünftig finden also alle Kurse (außer LICHTTURM und PAPIERWERKSTATT) im SCRIPTORIUM in der alten Stanzerei, Täppken 12 in Solingen-Gräfrath, statt.

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Gerade arbeite ich noch an einem erweiterten Kursprogramm,
das ich in den nächsten Wochen im Blog bekannt gebe.
Ich freue mich über Themenwünsche und Vorschläge dazu!

Herzlich willkommen im SCRIPTORIUM in der alten Stanzerei!

Metamorphosen

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Foto: Jens Lopez

Eine Arbeitsstätte, die seit über einhundert Jahren in Betrieb ist, wandelt ihr Gesicht…

Als ich zum ersten Mal die Räume der alten Stanzerei in Gräfrath betrat,
standen noch alle Maschinen zur Metallbearbeitung auf ihren Fundamenten.
Stanzen, Pressen, Rohre und Maschinen, die ich noch nie gesehen hatte,
wirkten auf mich wie eigenartige Lokomotiven, jedenfalls waren sie fast
so groß und schwer…
Im Raum ein schwerer Geruch von Metall und schwarzem Öl,
eine riesige Werkbank am Fenster, Werkzeuge überall…
Dazwischen kleine Holzschemel und ein Poster mit einem Rehlein im Wald.
Ich glaube, zuerst habe ich mich in das Rehlein verliebt, dann in den
dunklen Geruch nach Arbeit.
Diese Räume sollten irgendwann vermietet werden, vielleicht sogar an mich.
Für mich hieß das, Geduld haben, viel Geduld…

Für meine Vermieterin bedeutete das Arbeit, viel Arbeit.

Nach fast einem Jahr waren die Maschinen ausgebaut, die Fundamente abgeschlagen, Werkzeuge entsorgt, die Räume bereit, um mit neuen Inhalten
gefüllt zu werden.

Fortsetzung folgt ….

 

 

Wintersegnungen -Sammlung auf das Wesentliche-

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aus meinem Skizzenbuch

Das neue Jahr hat begonnen, die vorweihnachtliche Betriebsamkeit
fällt ab. Man hat Familie und Freunde getroffen, geschlemmt und geruht,
Besuche gemacht und bekommen, man ist spazieren gegangen und
hat vielleicht Zeit gefunden, um etwas zu lesen oder zu schreiben,
Jahresrückblicke und Jahresausblicke sind getan…

Aber jetzt erst ist STILLE !
Draußen herrscht eisige Kälte, klarer Himmel. Morgens ist die Welt
jetzt glitzerig wie mit Bergkristall überzogen, die blätterlosen Bäume
lassen den Wald fast durchsichtig erscheinen. Wenn die Sonne durch
die Baumkronen scheint ist das mattgoldene Licht die einzige, kostbare
Farbe im sonst eher schlichten mauserückengrau. Der Atem macht
weiße Sprechblasen, auch wenn man ganz still ist.
Jeden Tag rutscht der Sonnenuntergang wieder ein paar Minuten nach
hinten und wir genießen jeden kostbaren Moment Tageslicht.

Es liegt im Stillesein
eine wunderbare Macht
der Klärung, der Reinigung,
der Sammlung auf das Wesentliche.

Dietrich Bonhoeffer

In meinem Atelier versuche ich auch, mich aufs Wesentliche zu sammeln,
möglichst natürlich mit mattgoldener Untermalung…
aber was ist das Wesentliche eigentlich? Für mich? Jetzt? In diesem Jahr?
Wie immer beginne ich mit Aufräumen, das hält mich einige Zeit beschäftigt,
da mir auch ungelesene Bücher begegnen, in die ich nur mal wenigstens
“ganz kurz” einen Blick werfen will…. oder die neugekauften, besonderen
Federhalter, die ich noch gar nicht ausprobieren konnte…
Na ja, um es kurz zu machen, in der Sammlung aufs Wesentliche bin ich
kein Profi, eher ein Anfänger, nach dem Motto “sie hat sich stets bemüht”.
Zum Glück weiß ich inzwischen, dass es anderen ähnlich geht.
Aber das Ganze hat den Vorteil, dass ich mich nach soviel Hektik und
Pflichtprogramm wieder verbinden kann mit den Dingen, die ich liebe
und die mir wichtig sind und genau darum geht es ja eigentlich!

Natürlich muss man Kompromisse machen und kann sich nicht nur mit
Lieblingsspielereien aufhalten. Aber die Kompromisse kommen von allein,
die muss ich nicht suchen, das andere hingegen geht leicht in der
Betriebsamkeit verloren.
Also bin ich ganz still und lausche auf die leisen Stimmen in mir,
reinige meine Werkzeuge, kläre meinen Geist, frage mich nach Prioritäten
und sammle mich auf für das für mich WESENtliche.
Denn nur dann fühle ich mich wieder gestärkt, um auch die Kompromisse
tatkräftig zu meistern.

Ich danke für die vielen lieben Weihnachtsgrüße, für die wunderbaren
Gespräche und für die Impulse, die den neuen Kursplan maßgeblich
mitbeeinflusst haben und wünsche allen Klarheit, Tatkraft und
Frische für neue kalligraphische Abenteuer!

“Denn das Wort ist dir nahe”

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“Denn das Wort ist dir nahe…”

Im Sommer habe ich diesen Text von Bernhard von Clairvaux in mein Skizzenbuch geschrieben, aber jetzt zum Jahresende, bei Rückblick und Ausblick muten mir solch kleine Sätze besonders vielsagend und geheimnisvoll an — nur leider beantworten sie nicht EINE meiner vielen Fragen! Das naheliegende übersieht man so leicht, während die Dinge am Horizont oft zum Greifen nah und klar scheinen.

“Der Weg, der dir gezeigt wird…”

Selbst da herrscht eine gewisse Unsicherheit.
Man traut sich nicht, sich auf den Weg zu machen,
man traut sich nicht, den Weg zu gehen,
oder traut man sich selbst nicht über den Weg?
Welcher Weg überhaupt?…

Und doch, wenn ich leise bin und ehrlich in mich hineinhorche,
habe ich schon Ahnungen, was gemeint sein könnte.
Was mir eher fehlt, ist der Mut, eben dem Unbekannten zu trauen.
Der Text sagt, dass ich offenbar schon alles dabei habe, was
ich auf meiner Reise benötige…

“Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.”

Also gut, ich werde lauschen, meinen Mut sammeln
und mich auf den Weg machen…

Euch allen wünsche ich einen Weg, auf dem euch jemand
entgegenkommt und uns allen wünsche ich, dass wir
gute Worte und ein friedvolles Herz füreinander haben!

2017 kann kommen!

NACHLESE -aus dem kalligraphischen Kursjahr-

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“Lass dich leise leiten von dem, was du liebst.
Es wird dich nicht in die Irre führen. ” -Rumi-

Nachlese der kleinen Dinge ….
Es ist schon wieder Herbst… wo ist nur das Jahr geblieben?

Um ein fast vergangenes Jahr wieder fühlbar zu machen,
muss man überlegen, womit man es überhaupt gefüllt hat.
Es bestand aus vielen, teils kleinen Erlebnissen, aus Hürden,
aus denen im Nachhinein die schönsten Anekdoten werden.
In der Regel ist wesentlich mehr passiert, als einem spontan einfällt…

In den Jahreszeiten ist alles hübsch geregelt, da kommt erst die
Saat, das Wachstum und dann die Ernte, alles mit voller Kraft und
ohne Zögern. Im Winter ist scheinbar Pause.
In meinem Leben scheint es irgendwie anders zu sein, da liegen Saat-,
Ernte- und Ruhezeiten wild durcheinander, eine Saat geht auf,
etwas wird geerntet, anderes dörrt vor sich hin oder ruht einfach…
Es ergibt sich aber doch ein roter Faden, eine Richtung wird erkennbar.
Ich stelle fest, dass die übergeordneten Ziele, die ich schon fast vergessen
oder aufgegeben hatte, sich doch unbemerkt entwickelt haben.
Aus diesem Blickwinkel erkenne ich, wie wichtig es ist, sich leiten
zu lassen. Vor allem auch von dem, was man möchte, es einfach
zu wagen, zu vertrauen und die ersten Schritte zu machen!

Die eine oder andere wird sich vielleicht an gemeinsame
Erlebnisse des “kalligraphischen” Jahres erinnern…

Der erste SALONabend, “Die blaue Stunde”, eine Idee,
die ich seit Jahren mit mir trage, hat wirklich stattgefunden !
(die Farbe BLAU sehe ich nun in einem ganz neuen Licht…)
Vielen Dank für die wundervollen Beiträge, Vorlesungen, die
inspirierenden und weiterführenden Gespräche und Gedanken.

Der Besuch von Laurie Doctor und die damit verbundenen
Missgeschicke im Vorfeld, die sich glücklicherweise alle
aufgelöst haben. Die Vielfalt der neuen Schreibimpulse,
ich sage nur “writing, writing, writing”…
Zu meiner großen Überraschung habe ich festgestellt, dass ich
mich auf englisch notfalls doch ausdrücken kann! (Laurie ist
allerdings auch eine großzügige Zuhörerin…;) Aus vielen
wunderbaren Gesprächen hat sich ergeben, dass wir,
zu meiner großen Freude, im Sommer 2017 einen gemeinsamen,
ganz besonderen Kurs geben, wo sich Kalligraphie und Poesie zu
“Begegnungen mit Rilke-DAS STUNDENBUCH” verbinden.

Dann der traumschöne Kurs im Lichtturm, wo neben
kalligraphischer Buchgestaltung sogar das eine oder andere
Gedicht entstanden ist (wahrscheinlich von der inspirierenden
Höhenluft über den Baumwipfeln…)

Der Sommer-Kurs mit den Schriftfahnen, der mangels Kursraumschlüssel
einfach im Freien stattfinden musste…
Dank der Spontanität der Kursteilnehmer und des beherzten Eingreifens
von Christiane und Nika, die unseren Hof binnen einer Viertelstunde in
einen Outdoor-Kursraum verwandelt haben, wurde das Wochenende zu
einem unvergesslichen Ereignis!

Die Weimar-Reise im September, bei der künstlerisches Arbeiten und Austauschen,
Natur und Kultur, das Wetter und der träumerische Bienenhof an der Ilm
sich auf so wunderbare Weise zu einem Gesamtkunstwerk gefügt haben.

Ich möchte mich bei allen, die mit mir dieses abwechslungsreiche und schöpferische Jahr geteilt haben, von Herzen bedanken!

Ich wünsche euch allen einen, wenn auch verspäteten, ERNTEDANK! denn…

“Im Dank dürfen wir den Ursprung, die Quelle,
aus der unser Da-Sein ständig fließt,
miteinander und füreinander offenhalten.”
Augustinus Karl Wucherer

P.S. Es gab natürlich auch Versäumnisse, Irrungen und Wirrungen,
aber die verschweige ich hier lieber…vielleicht ruhen sie einfach nur…

GOLDENE ZEITEN

…Gold adelt und veredelt. Es ist der Stoff des
Reichtums, materialisierte Sonne, ein Element
voller Mythen und Fantasien.

…Es steht außerdem für Weisheit, Klarheit
und Lebenskraft…
Seine Bedeutung nimmt in allen Kulturen
den höchsten Stellenwert ein.

…Es ist die nächste Farbe am Licht, schreibt
Goethe in seiner Farbenlehre über das gelb
und ganz besonders in seiner Steigerung,
dem Gold, wenn der Glanz hinzu kommt…

…Eine wunderbar stimmungsvolle Beschreibung des Japaners
Jun’ Ichiro Tanizaki aus seinem Buch “Lob des Schattens”

“Die Bewohner der dunklen Häuser in früheren Zeiten ließen sich wohl nicht nur von der wundervollen Farbe des Goldes bezaubern sondern kannten gleichzeitig seinen praktischen Nutzen. Denn in lichtarmen Innenräumen hatte es ohne Zweifel auch die Aufgabe des Reflektors […], um die Helligkeit zu erhöhen. Wenn das zutrifft, liegt der Grund für die ungemeine Wertschätzung des Goldes auf der Hand: Während nämlich der Glanz von Silber und anderen Metallen bald verblasst, bewahrt es das Gold sehr lange und seine Leuchtkraft mildert so die Düsternis eines Innenraums. Hier und da macht man die Entdeckung, dass der Goldstaub, der eben noch einen gleichsam schlummernden, gedämpften Widerschein hervorgebracht hat, beim Zurseitetreten wie Feuer aufflammt […] Hier erst wird mir ganz deutlich, warum die Alten ihre Buddhastatuen oder die Wände in den Wohnräumen der Vornehmen vergoldet haben.”

Wir können kein Gold herstellen, aber wir können es auf Pergament
oder Bütten erstrahlen lassen, indem wir Untergründe
herstellen, wie wir sie aus den mittelalterlichen, prachtvollen
Handschriften kennen.
Hier also eine kleine Bildfolge zur Herstellung von Gesso, dem
berühmten ( und in Kursen “berüchtigten”) Kreidegrund. Berüchtigt
deshalb, weil er etwas anspruchsvoll ist in der Vorbereitung und
auch später ist seine Anwendung nicht ganz unkompliziert.
Mal davon abgesehen, dass alle Prozeduren für einen modernen
Menschen unzeitgemäß lange dauern und mit größter
Aufmerksamkeit ausgeführt werden müssen.
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Es ist wirklich manchmal eine ziemliche Geduldsprobe, aber die
Ergebnisse, der Glanz des Goldes ist jede Mühe wert.
Alle Zutaten werden mit einem Glasläufer zu einer ganz feinen
Pulverstruktur vermahlen, dann fügt man Fischleim und etwas
Wasser hinzu und mahlt erneut… wieder stundenlang…
wenn man aus lauter Erschöpfung aufgeben will, kann man mit
einzelnen Pinselproben sein Ergebnis testen und wird sicher
feststellen, dass die Körnung der Masse noch zu grob ist, also weiter…

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Irgendwann ist es geschafft, die Masse wird entweder möglichst
blasenfrei auf Alufolie in kleine Portionen zum Trocknen verteilt
( ich bevorzuge die Aufbewahrung in kleinen Muscheln)
Nun kann alles erst mal trocknen….
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Gesso bevorzugt bei der weiteren Verarbeitung eine hohe
Luftfeuchtigkeit, damit das Blattgold auch haften bleibt,
aber das ist eine andere Geschichte…
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„Was ist herrlicher als Gold?” fragte der König.
„Das Licht,” antwortete die Schlange.
„Was ist erquicklicher als Licht?” fragte jener.
„Das Gespräch,” antwortete diese. (Goethe, Märchen)

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Die innere Sicht

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Der Sommer ist MEINE ZEIT! Ich liebe es, mich draußen auszubreiten
um zu arbeiten. Ich packe alle Farben und Werkzeuge auf ein altes
Tischchen im Garten, stöbere in meinen Notizbüchern, arbeite mich
durch Stapel ungelesener Bücher, grundiere meine Schrifttafeln,
schleife sie solange wieder ab, bis ich das Gefühl habe, dass sie die
richtige “Tiefe” haben und vorbereitet sind für die eigentliche Arbeit
an dichterischen Träumereien mit Farben, Gold und Schriften.
Ich verliere mich ganz in diesen Tagen und tauche ein in Gedankenwelten,
die mir sonst eher verschlossen bleiben…
Die Uhren scheinen in diesen Wochen anders zu laufen, Zeiträume ganz
OHNE Zeitgefühl öffnen sich und ich kann “Ichselbstsein”, ohne dass ich
beschreiben könnte, was ich bin. Ich arbeite mit Worten, bin selbst
aber wortlos und nicht beschreibbar. Eine paradoxe Zeit…. wundervoll!
Herr Rilke, der selbst für alles noch so Feine stets die passenden Worte
findet, beschreibt es so:

…”So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten
voller Erscheinung aus der Ferne an
und wandelt uns, auch wenn wir’s nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind.” …..

Ein weiterer Text, -diesmal von Tolkien- mit dem ich immer
wieder Zwiesprache halten konnte, ohne ihn ganz zu ergründen.
Aber das ist vielleicht auch nicht nötig, denn das Hin-und
Herwiegen dieser Gedanken ist oft schon der eigentliche Sinn…

“Es wartet vielleicht um die Ecke ein Tor,
ein Durchschlupf in der Hecke.
So oft ging ich daran vorbei,
doch kommt der Tag
da geh ich frei den Weg,
der ins Geheimnis führt.
Wo West die Sonne,
Ost den Mond berührt.”

DIESER Sommer verlief allerdings völlig anders als gedacht…
von Ruhe und spielerischer Konzentration im Garten keine Spur!
Stattdessen hatte ich einige ungeplante Termine und viele
wunderbare Gäste! Und damit eine Fülle inspirierender Gespräche,
spannende Einblicke in fremde Arbeitsweisen und vielfachen
Austausch von Informationen und Ideen rund um die Kalligraphie…

Jetzt, wo sich der Sommer dem Ende zu neigt, stelle ich fest, dass ich
doch viel gelernt und gearbeitet habe, nur eben anders als geplant…
Offene Fragen haben durch fremde Blickwinkel überraschend zur
Klärung gefunden, dafür sind neue Fragen hinzugekommen und manches,
was mir selbstverständlich erschien, sehe ich nun in einem ganz neuen Licht.

Auch der Bildhauer Jaume Plensa inspiriert mich immer wieder mit
seinen Installationen zu Mensch, Wort, Kommunikation und Schrift.
Ich freue mich, dass er jetzt in einer Ausstellung zu sehen ist!
Deshalb hier der Link und die Infos dazu:

Das Max Ernst Museum zeigt vom 4.9.2016 bis 15.1.2017 in der Ausstellung “Jaume Plensa – Die innere Sicht” Skulpturen und Zeichnungen des katalanischen Bildhauers. Seine spektakulären und zugleich meditativen Arbeiten im öffentlichen Raum befinden sich an ausgesuchten Plätzen auf der ganzen Welt.

Auf geheimnisvolle Art und Weise füllt Jaume Plensa seine plastischen und zeichnerischen Formen gleichsam mit Ideen und Gedanken und regt den Betrachter zum Nachdenken darüber an, wer wir sind, wohin wir gehen, was wir träumen…

Mehr Infos zur Ausstellung: http://bit.ly/2bBfuth

MUT zum Skizzenbuch

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MUT zum Skizzenbuch
oder: Gönne dich dir selbst!

Jeden-Tag-Übungen:
eine Linie, eine Skizze,
ein Gedanke, eine Farbe,
ein Muster, ein Buchstabe…
Jeder weiß, was damit gemeint ist und jeder weiß,
dass es gut und förderlich wäre…
Aber warum “wäre”? Es IST gut, weil es Rückzug zu sich selbst bedeutet.

Bernhard von Clairvaux schreibt in einem Brief über Rückzug:

Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein?
Denk also daran: Gönne dich dir selbst.
Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage:
Tu es immer wieder einmal.
Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da,
oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Ich spüre es jedesmal, wie befreiend und befriedigend es ist, wenn
ich mich mit meinem Skizzenbuch zurückziehe, von meinen Pflichten,
von den Erwartungen anderer an mich, von meinen eigenen…
dann bin ich mit einer Farbe, einer Idee, einem Gedanken,
mit mir Selbst wieder verbunden.
Manchmal ist es ein bisschen mühsam “rein”zu kommen.
Am leichtesten fällt es mir morgens, manchmal nutze ich den
Nachhall eines Traumes, versuche ihn mit Worten wieder in mir
wachzurufen, nach seiner Bedeutung zu fragen, meine Intuition
zu stärken, mich mit meinen wesentlichen Fragen zu verbinden….

Es gibt viele Möglichkeiten ein solches Buch zu füllen, aber es
sollte unbedingt von erlesener Qualität sein, denn anders als ein
Notizheftchen soll es einen lange begleiten. Es muss eine gute
Papierqualität bieten und eine angenehme Größe haben, kurz,
es muss eine Freude sein, es in die Hand zu nehmen.

Freunde von mir pflegen ein Dankbarkeitsbuch, andere üben sich
im Zeichnen und konzentrierten Schauen, manche sammeln Träume,
andere Gedichte, die sie bewegen…
Allen gemeinsam ist, dass es nicht den Druck zum fertigen Objekt gibt.
Bei mir ist es oft nachdenkliches Suchen, sammeln und Ablegen von
Fragen und Gedanken. Mal zeichnerisches, mal Notizen von Gelesenem,
mal kalligraphische Übungen, einfach ein bunter Mix meiner Stimmungen.
Der Prozess, das schlichte Ausprobieren steht im Vordergrund, es ist
ein Rückzugsort nur für mich, meist entsteht “zufällig” eine kleine Idee
und dann lasse ich mich leiten, einfach so…

Man findet Abstand zum Alltag, neue Kraft und klare Sicht.
Es ist privat, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Die Bewertung tritt
in den Hintergrund und die Frage “was möchte ich wirklich?” findet
durch diese Hintertür wieder eine Verankerung in einem.
Außerdem ist es ein wunderbareres Gefühl, wenn man nach Monaten
seine Notizen und kleinen Zeichnungen anschaut, es ist etwas
gewachsen und man hat es kaum gespürt..
Man sieht plötzlich eine Linie in seinem Tun, die man bisher kaum
wahrgenommen hat. Es entsteht eine Struktur, ein roter Faden, dem
man weiter folgen kann…es ist wichtiger als man denkt und natürlich
gibt es noch viele, viele andere Wege, um mit sich selbst gut umzugehen…
SEID KREATIV!
darum nochmal:

Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein?
Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Halbzeit

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… oder: Mache ich, was ich liebe?

Es ist Ende Juni, Zeit der Sommersonnenwende,
das Wetter bisher launisch, das Thema Fußball
beherrscht die Medien und die gestalterischen Vorhaben vom
Jahresbeginn sind längst Geschichte…

Trotzdem, oder gerade deshalb ist es jetzt spannend, innezuhalten
und sich zu fragen: Was wollte ich, was will ich und was mache ich?
Gibt es Übereinstimmungen oder mehr Abweichungen?
Eine Bestandsaufnahme.
Ich schaue meine Notizen an und sehe, dass ich doch einiges bereits
getan habe, an anderes konnte ich noch nicht mal ansatzweise denken
und wieder anderes scheint mir plötzlich gar nicht mehr so wichtig.
Bei manchem habe ich den Aufwand unterschätzt und unendlich vieles
ist sowieso dazwischen gekommen… Ein paar neue Ideen und Impulse
sind hinzugekommen, Schwerpunkte haben sich verlagert!
Also sortiere ich neu!
Wichtiges nach oben, weniger wichtiges auf “vielleicht”, und ganz
nebenbei erfreue ich mich auch an den Dingen, die ich bereits
geschafft habe und sehe, wo ich mich verbessern möchte.
Es entstehen neue Pläne, andere werden vertieft.
Die zweite Jahreshälfte kann beginnen, der kreative Baum wächst…

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Was ist schön?

“Schönheit ist der Glanz des Wahren”, sagt Augustinus.

“Schönheit liegt im Auge des Betrachters”, sagt man auch…

Und wenn man der Frage im Internet nachgeht, findet man
eine schier unendliche Fülle an Meinungen und Definitionen.
Das hat mir fast den Mut genommen, mir überhaupt ein
paar eigene Gedanken dazu zu machen… ich sage lieber gleich,
dass ich mehr zum Selbergrübeln anregen möchte, als dass ich
Antworten zu bieten hätte….
Letztlich bleibt es eine individuelle Angelegenheit und doch:
Was ist Schönheit? In der Natur ist es einfach, bei Wolken,
Seerosenblüten, Schmetterlingen gibt es eine große
Übereinstimmung, dass diese Dinge schön sind
( allein über die Wuppertaler Regenwolken lässt sich streiten…)

Doch wenn man versucht, sie darzustellen wird es schwierig, oft
bleibt nur ein schaler Geschmack von Kitsch zurück, aber warum?
Selbst wenn eine Fotografie das perfekte Abbild einer Blüte zeigt,
ist die Vollkommenheit der Blüte längst verschwunden, andererseits
gibt es verfremdete, schlichte, abstrakte Darstellungen von Blüten
und Samen und sie haben eine ganz eigene innewohnende Poesie,
ein Geheimnis, sie sind einfach schön. Der japanische Fotograf
Yamamoto Masao macht kleine s/w Fotografien von einer eigenen
Welt in so zurückhaltender Zartheit, die er aber erst noch eine Weile
in seiner Hosentasche herumträgt, bis sie ihre ganze fragile
Schönheit entfalten.

Beim Abbild besteht die Gefahr, dass ein Bild zwar “erkannt”,
aber nicht mehr erlebt / erfühlt wird. Es fehlt die Vielfalt der Sinnes-
eindrücke des Originals. Es ist sogar bei Gegenständen so, ein
“echtes” Material ist ein Vielfaches mehr als eine Kopie. Der Lüster
eines edlen Leinentuchs lässt sich kaum kopieren… Doch entsteht
das Gefühl der Schönheit auch in einem selbst und ist eine
Möglichkeit, WIE man etwas betrachtet… “Alles, was man
mit Liebe betrachtet, ist schön”, sagte Christian Morgenstern.

Bei gestalterischer Arbeit trifft man ständig auf die Frage:
Ist das eigentlich schön? Es kann auch heißen, ist meine Lösung
für die gestellte Aufgabe tragfähig und angemessen, entspricht
das Ergebnis meinen Vorstellungen oder hat mich im Prozess eine
neue Lösung überrascht? Oder mündeten meine Versuche in
einer Sackgasse?
Es gibt Gestaltungsregeln, den Goldenen Schnitt zum Beispiel,
aber wenn alle ihn befolgen, ist es dann am Ende nicht langweilig?
Braucht eine Arbeit nicht auch Brüche, einen Spannungsbogen, Überraschungsmomente, um…was zu sein? Echt und wahrhaftig,
ernst und schön, umfänglich und geheimnisvoll.
Es bedarf zusätzlicher Empfindungsebenen als nur das, was
oberflächlich zu sehen ist. Vielleicht ist es eben genau das,
was man NICHT sieht, was diese Aura des Besonderen verleiht…
Ob man sie bewusst herbeiführen kann oder ob man einen
Musenkuss oder eine Sternstunde abzuwarten hat, bleibt wohl
das Geheimnis jeden guten Kunstwerks…..

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Dichter der Linien

Wie beschreibt man die Linien der Seele?
Wie kann man geschriebene WORTE fühlen?
Wie wird ein Wort Ausdruck der Seele?

Unsere Buchstaben bestehen nur aus Kreis und Strich –
aus 26 Kombinations-und Variationsmöglichkeiten von Kreis und Strich.

Wie verhält sich unsere Schrift zur Spiritualität, zum geistigen,
zum inneren Ausdruck? Ist unsere Schrift überhaupt dafür geeignet?
Ist das abendländische Gemälde oder Musik nicht viel besser dafür
geeignet? Oder ist Kalligraphie vielleicht doch weit mehr als nur
ein Gedankenarchiv?

Arabische Kalligraphien sind Gottes Wort und Wille,
asiatische Kalligraphien sind Wesen, eigene Charaktere.
Der Schreiber zeigt mit seiner Hand, seinem Sein und Atem,
mit jedem Zug sein Wesen…
Unsere abendländische Kalligraphie hat all dies nicht, sie ähnelt
ihrem Wesen nach mehr der Typographie als der Handschrift.

Was unterscheidet eigentlich getippte Schrift von Handschrift?
Ist es wirklich ein anderes Tun, oder nur ein anderes Werkzeug?
Fühlt der, der mit der Hand schreibt anders als der, der mit
dem Computer schreibt? Ich bin mir nicht sicher.
Zu sehr “denke” ich meinen Text als dass ich ihn fühle…
Das befriedigende Gefühl etwas mit den eigenen Händen zu
schaffen, das ist allerdings immer etwas besonderes!
Je weniger Werkzeuge man braucht, desto besser.
Man kann einen Hefeteig kneten, einen Salat mischen,
in der Erde wühlen, um Blumenzwiebeln einzupflanzen,
ein Instrument mit den Händen spielen, mit Nadel und Faden
Gewänder herstellen und natürlich schreiben,
mit den Fingern in Sand, mit Hammer und Meißel in Stein
und eben mit Pinsel, Feder, Stift oder Tastatur.
Egal womit, aber wir wollen uns ausdrücken!

In der Schriftgeschichte gab es immer den jeweiligen Zeitgeist
und entsprechende Entwicklungen aus historischem Kontext heraus.
Die dunkle, steil aufragende Textura der gotischen Zeit hat einen
ganz anderen zeitgebundenen Ausdruck als eine barocke Fraktur.
Eine frühchristliche Unziale ist wieder anders als eine
römische Capitalis…
Aber der Versuch, die eigene, unverwechselbare Geste in Schrift
zu bannen, fühlbar zu machen ist eine neue Aufgabe, die es
bisher so nicht gab.
Vielleicht könnte man sie auf Papier manifestieren und sie zB.
mit sensiblen Pinselschwüngen sichtbar machen.
Man “fühlt” den Strich, der Strich hat eine eigene Qualität,
aber fühlt man auch den geistigen Inhalt des Wortes? Oder
“fühlt” man den Strich und “versteht” parallel dazu das Wort?
Wenn man nun nur bei dieser Geste bleibt, die im klassischen
Sinne nicht lesbar, dafür intuitiv und sinnlich wahrnehmbar ist,
(dennoch kann man sie nicht ertasten, weil sie ja nicht reliefartig ist), erkennt das Auge den Charakter der sensiblen Geste und suggeriert
taktiles Empfinden…

Man könnte natürlich einen Text mit Farbe und Malerei näher
“erklären”, wie man es schon in mittelalterlichen Buchmalereien
gemacht hat. Eigentlich funktioniert auch ein Comic auf ähnliche Weise.

Schrift bekommt durch ungewöhnliche Medien, Materialien und
Werkzeuge einen völlig unerwarteten Effekt und eine neue,
persönliche Bedeutung.
Tattoos, Schrift auf Körper, haben vielleicht diese Intension oder Schrift
auf beweglichen Trägern wie U-Bahnen, Schrift in Landschaft, auf Mauern, Brücken…Schrift, die nur aus Licht besteht, wie zB Jenny Holzer sie
aufs Meer oder an Fassaden werfen lässt. Die poetische “Kritzelschrift”,
die Cy Twombly auf seinen Bildern palimpsestartig und spontan verwendet.

Mir gefällt die Idee der neuen “Gedankenträger”, vielleicht auch
weil ich eben Kind meines Zeitgeistes bin. Ich liebe den
Überraschungsmoment, wenn Schrift irgendwo einfach auftaucht,
befreit aus Büchern!
Denn im Raum schwebende Schrift fühlt sich einfach ganz anders an
als gedruckte, in Stein gemeißelte anders als Schrift auf Holz.
Schrift auf Glas ist anders als Buchstaben, die dreidimensional sind.
Ein langes Schriftband anders als ein quadratisches Layout.
Goldene Lettern tragen eine andere Botschaft als schnell
skizzierte Bleistiftkritzeleien….
SCHRIFT IST SO VIELFÄLTIG WIE UNSERE WELT!

Sommermärchen Teil I

Sommermärchen Teil I
Vorletztes Jahr hat mich überraschenderweise Laurie Doctor in meinem Laden besucht. Ich bewundere ihren Arbeitsansatz seit Jahren sehr. Sie verbindet Worte, Zeichen und Farbe auf scheinbar leichteste Weise und findet poetische Traum-und Gedankenwelten, bei denen die Grenzen zwischen Malerei und Kalligraphie verschwimmen und die Suche nach dem eigenen Ausdruck im Mittelpunkt steht.
Zwei Künstlerfreunde, die sie gut kennen haben mir erzählt, dass Laurie auf einer Europatour in Deutschland einen Zwischenstopp macht und gefragt, ob ich sie persönlich kennenlernen möchte…
Und JA, ich wollte!
Trotz meiner unzureichenden Englischkenntnisse war es ein sehr schöner und inspirierender Abend mit Wein und guten Gesprächen.
Dieses Jahr ist sie wieder in Europa und nun kam die Frage an mich, ob ich einen Kurs mit ihr organisiere. Ich habe sie gefragt, ob sie Lust hat…
und sie hat JA gesagt!
Inzwischen habe ich den Termin ( Fr 22.7.- Mo 25.7.), das Kursthema “Poetic landscapes”, nachzulesen auf Lauries Webseite
(www.lauriedoctor.com)
und einen sehr malerischen, ruhigen Raum mit Terrasse in Gräfrath direkt neben meinem Laden, wo es auch (allerdings selbst zu buchende) Übernachtungsmöglichkeiten und ein abwechslungsreiches, kulinarisches Umfeld gibt..
Und nun möchte ich euch einfach fragen, ob Ihr auch Zeit und Lust habt, daran teilzunehmen? Bei Interesse bitte einfach für Detailfragen bei mir melden.

Vom inneren zum äußeren Bild

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Teil I “Das innere Bild suchen”

Hildegard von Bingen hat vor tausend Jahren einen Satz geschrieben, der gerade für künstlerische Prozesse eine
zeitlose Wahrheit formuliert:

“Alle Geschöpfe haben etwas Sichtbares
und etwas Unsichtbares.
Das Sichtbare ist schwach und das Unsichtbare
stark und lebendig.”

Wie könnte es gelingen, das Unsichtbare in sich zu entdecken?
Sich Zeit nehmen, um mit sich allein zu sein,
konzentriert und doch offen hinlauschend zu sein,
um etwas zu erspähen oder wiederzufinden…
etwas aufschreiben, notieren, skizzieren, einen Gedanken,
ein Bild, einen Wortfetzen aus einem Traum in der
Nacht vielleicht, eine Erinnerung
oder nur eine farbige Linie mit dem Pinsel…
Dieses noch unbekannte Etwas spiegelt sich aus unseren Tiefen
und genau das gilt es weiterentwickeln. Der Versuch, dieses
Unsichtbare sichtbar machen ist so wertvoll, weil wir spüren,
dass es genau das ist, was uns eigentlich ausmacht!

Caspar David Friedrich drückt es viele Jahrhunderte später so aus :

“Schließe dein leibliches Auge, damit du mit
dem geistigen Auge siehest dein Bild. Dann fördere
zutage, was du im Dunkeln gesehen, daß es zurückwirke
auf andere von außen nach innen.”

Also gut, lassen wir uns führen von ihm, er muss es ja wissen,
als Maler und spiritueller Mensch…
Aber wie? Die üblichen Fragen tragen nicht mehr:
Was ist der schönste Schmetterling, das stärkste Bild,
die wichtigste Erinnerung, der üppigste Garten….
Es kann immer nur um die eigene derzeitige Position gehen.
Es gilt eine kleine, losgelöste Möglichkeit aus der Fülle der
Eindrücke an die Oberfläche holen….
Die konzentrierte, doch gelassene Betrachtung dieses noch unbekannten, aber auf geheimnisvolle Weise vertrauten Bildes, und der Versuch, diesem inneren Bild so nahe wie möglich zu kommen, so dass während des Arbeitens das äußere Bild immer mehr an Kontur gewinnt…

Teil II “Das äußere Bild entsteht”

Die Papierauswahl…
während der Entscheidung für das Format, der Grammatur,
der Oberflächenbeschaffenheit sortiert sich langsam alles von selbst, unsere Hände “ertasten” den Weg von innen nach außen.
Die Farbe mischen…
hell oder dunkel, transluzent oder deckend, bis wir wissen,
dass sie richtig ist, man erkennt sie einfach wieder, die Augen “wissen”.
Das Werkzeug auswählen…
ob grob oder fein, elastisch oder starr, “intuitiv” erfassen wir mit ihm die Stimmung, die es auszudrücken gilt.

Manchmal geht es plötzlich los, machmal langsam und mit Bedacht…
WIR machen das Unsichtbare in uns stark und lebendig und fördern UNSERE inneren Bilder zutage!

Bücher, Briefe & Buchstaben


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(oder: Die Liebe zum Handgeschriebenen)

Bücher und Briefe,
Bücher für Notizen und Skizzen,
Tagebücher und Kalligraphie …
Was haben sie alle gemeinsam?

Vielleicht die Liebe zum Wort, die Liebe zu Gedanken und
Erinnerungen, die bewahrt werden wollen?
Diese geheimnisvollen Zeichen der 26 Buchstaben, die so
stumm und doch so beredt in unserem Inneren auf ein Echo stoßen, können auf vielerlei Weise faszinieren…

Alle treten auf ihre Weise mit uns in einen stillen Dialog
und das in einem Tempo, das selbst wir bestimmen, wo
wir abschweifen können und trotzdem in einer Art
meditativer Konzentration bleiben.

In einem Buch sind wir gedanklich vielleicht vertieft in
ein Gespräch auf Augenhöhe mit einem berühmten Dichter,
folgen im Gedicht einer schönen Sprachmelodie oder dem
Verlauf der inneren Bilder, die beim Lesen einfach wie
von selbst entstehen.

Beim Schreiben von Briefen heben wir manchmal unerwartet
Gedankenschätze, die nichtsahnend schon in uns lagen und
die nur darauf gewartet haben, wachgeküsst zu werden.
Einfach nur, weil man mit Muße und Konzentration
(und in innerer Zweisamkeit mit dem geneigten Briefempfänger)
einem Gedankenpfad geduldig gefolgt ist.
Briefe von und für Freunde erzeugen oft eine Intimität
und Nähe, die im “richtigen” Leben kaum möglich ist.

Bücher, gefüllt mit handgeschriebenen Notizen, kleinen
Skizzen und Ideen, Lieblingsgedichten, Tagebucheintragungen
zu wichtigen, persönlichen Erlebnissen, dazwischen Shoppingtipps von Freundinnen und schnell notierte Nichtigkeiten beziehen ihren ganz eigenen Reiz durch das Bruchstückhafte, Unvollkommene, des über Monate angesammelten Lebens.
In der Regel wechselt auch der Duktus der eigenen Schrift je nach Tagesform und des zur Verfügung stehenden Schreibwerkzeugs. Einen Blick zu erhaschen auf ein solches Stück “gelebten Lebens” berührt auf unbeschreibliche, irgendwie heimelige Weise.
Eigene Notizen nach Jahren in die Hand zu nehmen ebenso, man erkennt sich wieder und auch wieder nicht…
Manchmal wundert man sich, dass man “damals schon” die Wurzel zu einer guten Idee aufgeschrieben hat, die erst viel später ihre Blüten zeigte. Man liest erstaunt, wie lange manche Themen einen begleiten und auch, wie einstmals scheinbar sooo wichtiges inzwischen schon längst vergessen ist…

In jedem Fall ist Schreiben ein Bewusstmachen des eigenen Daseins, eine Reflexion, ein Lebenszeichen, der Versuch, etwas Inneres sichtbar zu machen.

Es muss nicht immer Kalligraphie sein,
aber es könnte eine daraus werden….

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Inne…..halten

Wir sind fast am dunkelsten Tag des Jahres angekommen
und feiern die Heilige Nacht und die Weihnachtstage,
dann den Jahreswechsel und alles scheint wie im Fluge vorbei
zu rauschen…Die letzten Wochen waren für die meisten eine
intensive Zeit der Vorbereitungen, Einkäufe und Erledigungen.

Doch jetzt ist der richtige Moment um Innezuhalten, sich zu
erinnern, was in diesem Jahr wichtig und nichtig war, was
für uns “eigentlich” bedeutsam ist und ob wir diesen Dingen
auch genügend Raum und Aufmerksamkeit geschenkt haben…
Das mag für jeden etwas anderes sein, doch aufschlussreich
ist es allemal sich zu fragen, was eigentlich genau wichtig und
wesentlich ist und wovon man sich leichten Herzens lösen kann,
wofür man dankbar ist und was man akzeptieren muss,
weil es unabänderlich scheint.

Es ist eine Zeit der Rituale, der Innenschau, der Beschäftigung mit Dingen, für die man sich sonst nicht die Zeit nimmt, die aber viel zu schön sind, um ihnen nicht wenigstens in diesen Wochen Aufmerksamkeit zu schenken.
Zeit zum Briefeschreiben und Geschenkeverpacken, Zeit zum
gemütlichen Lesen, Dichten, Malen und zum Langeausschlafen…
Die zwölf Raunächte laden ein, die eigenen Träume
aufzuzeichnen und sich zu fragen, welche geheimen Botschaften
es aufzuschlüsseln gilt, zu orakeln und sich mit der hohen Kunst des sich “Ingedankenverlierens” zu beschäftigen…

…oder wie sich die unvergleichliche Mascha Kaléko fragt:

Was tut wohl die Rose zur Winterszeit?

Sie träumt einen hellroten Traum.
Wenn der Schnee sie deckt um die Adventszeit,
Träumt sie vom Holunderbaum.
Wenn Silberfrost in den Zweigen klirrt,
Träumt sie vom Bienengesumm,
Vom blauen Falter, und wie er flirrt…
Ein Traum, und der Winter ist um!

Ich wünsche Ihnen FRÖHLICHE WEIHNACHTEN!

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Herbstgedanken

 
Nach intensiven Vorbereitungen, damit der Laden sich immer wieder von einer neuen Seite zeigt, dennoch die Kalligraphie im Mittelpunkt steht, aber eingebettet in die anderen schönen Dinge, die uns begeistert haben, hatten wir große Freude darüber, dass sich so viele Kunden, Freunde, Poesie- und Kalligraphieinteressierte auf den Weg ins Dörfchen gemacht haben. Ob zu einem Punsch, einem Einkauf, auf ein
kleines Gespräch, als Inspirationsstunde oder einfach zum Lesen…

VIELEN DANK für all die herzlichen und inspirierenden Resonanzen!

Und nun neigt sich das Jahr dem Ende zu… die Tage werden
spürbar kürzer, kälter, es wird früher dunkel. Das macht
nachdenklicher, grüblerischer. Man sucht in seinem eigenen
Inneren nach Sinn, Fragen nach echten Wünschen tauchen auf, trotz oder gerade wegen der hektischen Vorweihnachtszeit, die man nie so ganz abschütteln kann…

Ja, ZEIT müsste man haben, doch wofür?

Was sollen neue Schwerpunkte werden?
Wovon muss ich mich trennen?
Wofür bin ich dankbar?
Was muss gefördert werden, damit es gut wachsen kann?
Also, welches Saatgut will ich diesmal in die Erde legen,
damit es den Winter über in Dunkelheit, Kälte und Stille
Kraft sammelt und sich später die Blüten entfalten können?
Beim Pflanzen muss ich etwas, das mir wichtig ist, auch
loslassen, ich muss mich in Vertrauen und Geduld üben…

Auch das Pflanzen eigener Ideen braucht Tatkraft und Entschlossenheit.
Das Reifen hingegen braucht Ruhe, Zeit und Zuversicht.
Ich will es wieder versuchen…

Haben Sie einen Leitgedanken? Ein Leitwort? Ein Ritual?

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WERKZEUGE – eine unendliche Geschichte

“unser Werkzeug” – eine unendliche Geschichte…

Alle Kalligraphen scheinen Jäger und Sammler zu sein.
Wir besitzen sicher hundert Federhalter, Pinsel, Stifte,
dazu die Farben, die Papiere, Scheren, Messer,
Stempel und Schablonen….
Überall umgeben mich meine Werkzeuge, auf dem
Arbeitstisch und dem Schneidetisch im Atelier,
aber auch in Koffern, Körben, Kisten und Kartons….

Sie sind einfach ein Teil dessen, was mich inspiriert, sie öffnen mir
die Türe zum eigentlichen Schaffen. Allein ein Bleistift in der Hand
hilft mir sozusagen über die Schwelle, von meinen Grübeleien und
Gedanken hin zur physischen Erscheinung meiner Pläne und Ideen.
Ohne ihn wäre alles nur Theorie, und erst die Wahl der weiteren
Werkzeuge entscheidet, ob eine Idee tragfähig und sichtbar wird
oder ob sie ein vages Gedankengespinst bleibt.

Das Werkzeug ist der Vermittler zwischen innen und außen…

Es gibt Lieblingswerkzeuge, die wir täglich benutzen und solche,
die wir einfach besitzen müssen und die wir wie Schätze hüten…
Das Stöbern, Aufräumen und Umsortieren der Dinge hat oft
schon selbst einen meditativen Charakter wie eine heilige Handlung.
Man ist allein, in Gedanken vertieft, alles scheint in geheimer Weise
zu einem zu sprechen, zu erinnern…
an das, was man schon gemacht hat, aber auch an das,
was man schon immer einmal ausprobieren wollte…
In diesem stillen, geschützten Rahmen tut sich oft der Weg auf,
man könnte ja einmal kurz was probieren, ohne Druck, einfach nur so…

und schon ist man mittendrin, es läuft… so einfach ist das manchmal…

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Die Macht des Wortes

In der Bibliothek des Bienenmuseums in Weimar haben wir uns
vier Tage lang auf einer zehn Meter langen Papierrolle mit der Aufgabe beschäftigt, einem selbst ausgewählten Wort mit kalligraphischen Mitteln auf den Grund zu gehen. Das hat sich als echte, teilweise schwierige Herausforderung erwiesen…

Die zunächst praktischen Aufgaben, dieses Wort in vielfältigen Weisen auf die Schriftrolle zu schreiben, wie z.B. verbunden,
unverbunden, mit sehr großen Werkzeugen und ganz zierlichen,
verschachtelt, mit geschlossenen Augen oder der linken Hand geschrieben, haben das Wort in seinen Bedutungsebenen
aufgefächert und in immer neuen Facetten gezeigt.

Wir haben dieses Wort umschrieben, dazu passende Adjektive und Assoziationen gesammelt. Dabei haben sich erste Textgewebe
zu reichen Schriftteppichen entwickelt und sogar zu ein paar eigenen Gedichtentwürfen, die wir abends vorgetragen haben.

Die Suche nach dem “richtigen” Ausdruck hat manche Türe zu
tieferem Verständnis geöffnet und den Blick in eine ganz neue
Richtung gelenkt. Viele Fragen und Erkenntnisse kamen zum Vorschein, aber auch Sackgassen und Ratlosigkeiten blieben
uns nicht erspart…

Überraschenderweise waren oft die zehn Meter der Rolle noch
zu kurz, um alles zu erfassen, was sich währenddessen entwickelt hat…

Ich bedanke mich ganz innig bei allen, die an diesem Experiment
teilgenommen und so intensiv und beharrlich an dem geheimen
Sinn des Wortes geforscht haben. Ich danke für die wunderbaren Gespräche und kleinen Einblicke, die bewegenden Momente und
das Vertrauen, sich gemeinsam dieser Mutprobe zu stellen!

(Besonders danken möchte ich Dagmar Möller, dass ich deine wunderbare Arbeit als Beitragstitelbild veröffentlichen darf.)

Vom Reiz alter Bücher

 

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Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, an einer Führung durch eine großartige, private Sammlung historischer, teils mittelalterlicher Bücher teilzunehmen. Die Kostbarkeiten wurden in einem eigens dafür bebauten Archiv bei idealen Bedingungen aufbewahrt, so dass sie auch für nachfolgende Generationen erhalten bleiben.

Der Gedanke, durch wieviele Jahrhunderte, durch welch wechselvolle Zeiten diese Schätze getragen und beschützt würden, setzt bei mir eine abenteuerliche, imaginäre Zeitreise in Gang, die mich absolut fesselt…

Diese Bücher sind wie Zeitzeugen einer längst untergegangenen Kultur. Sie sind teilweise von so erhabener Schönheit schon von außen betrachtet, mit ihren kostbaren Ledereinbänden und Verschlüssen, dem Goldschnitt und kunstvollen Edelsteinverzierungen. Bücher in allen Größen, vom kleinen Stundenbuch im “Senfkornfomat” bis zum großen Atlas oder riesigen Bibeln, die 20 Kilo und mehr wiegen.

Im Inneren offenbaren sie dann einen nicht enden wollenden Reichtum an kunstfertigen Schriften auf kreidefarbenem Pergament, phantasievollen Zeichnungen in brillanten Farben und Vergoldungen, die aber aber auch gar nichts von ihrem einstigen Glanz eingebüßt haben…

All das ist hergestellt worden ohne ein einziges technisches Gerät, allein durch Menschenhand und dem Wunsch, die für das geistige Leben wichtigen Botschaften würdig festzuhalten, darzustellen und weiterzureichen…

Rose Ausländer findet dazu sehr poetische Worte:

Papier ist Papier
aber es ist auch
ein Weg
zu den Sternen
zu Sinnbild
und Sinn
blinden Geheimnissen
und
zu den Menschen

Innere Quellen

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Gerade komme ich von einem sehr intensiven Kalligraphie-
Symposium in Belgien mit vielen, vielen Eindrücken
zurück. Die etwa 60 Teilnehmer kamen aus aller Welt
angereist, um sich auszutauschen, sich kennenzulernen
und natürlich vor allem um Neues dazu zu lernen…

Vier wunderbare und erfahrene Dozenten haben uns in phantasievoller Weise dazu angeregt, neue kalligraphische Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, alte Sehgewohnheiten aufzubrechen und auch dem Zufall Raum zu geben, damit völlig neue Assoziationen entstehen und so bereichernd in die Arbeit einfließen können.
Aber auch endlose Wiederholungen desselben Wortes können eindrückliche Blickveränderungen bewirken, malerische Techniken in Gruppenarbeiten auf großen Flächen führen zu unerwarteten und reizvollen Ergebnissen. Rückblicke in die Kunstgeschichte, aber auch das Erkunden und Niederschreiben von eigenen Lebensfragen, die uns tief bewegen sind große Herausforderungen, dazu inspirierende Gruppengespräche, die lange nachwirken werden und vieles mehr…

Die Woche war zu intensiv und umfangreich, als dass ich alles hier aufzählen könnte, aber der Schatz der schöpferischen Möglichkeiten, den wir haben, um uns auszudrücken scheint wirklich unbegrenzt zu sein!

Wenn man bereit ist, sich auf Unerwartetes einzulassen, führt gerade dieses scheinbar planlose Experimentieren überraschenderweise direkt an die eigenen Quellen und so kommen ungeahnte Ideen, alte Wünsche und neue Bilder zum Vorschein!

Wir sollten unsere inneren Quellen wieder sprudeln lassen….

Perspektivwechsel & Überraschungen

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“Grundvoraussetzung für kreatives Schaffen sind Spiellust, Liebe, Konzentration, Übung, Technik, Gebrauch der Grenzen und der Fehler, Risiko, Ergebenheit, Mut und Vertrauen.”

Ausgehend von diesem Gedanken von Stephen Nachmanovitch
zur Kreativität haben wir uns am Wochenende im Kurs mit den Möglichkeiten des Bildaufbaus beschäftigt. Wir haben groß und frei gearbeitet und in engen, festgelegten Rahmen, allein und im Austausch. Wir haben experimentiert und geforscht und uns immer wieder gegenseitig beraten. Eine der erstaunlichsten Einsichten war, dass immer dann, wenn wir scheinbar “nur gespielt” haben, die Ergebnisse am zufrieden-
stellendsten waren. Und je mehr wir gegrübelt haben, desto mehr Zweifel und Ratlosigkeit hat sich in die Arbeit geschlichen. Wir haben an mehreren Dingen gleichzeitig gearbeitet, so dass wir wechseln konnten, sobald wir in einer Sackgasse steckengeblieben sind. Später konnte man mit erfrischtem Blick ganz neu auf das Werk schauen…

Und manchmal, wenn eine scheinbar bereits “gescheiterte”
Aufgabe in einen neuen Zusammenhang gestellt wurde,
zeigte sie doch plötzlich ihre verborgenen Qualitäten…
Manches, was eher zufällig und unzusammenhängend
entstanden ist, ergab in der Schlussbetrachtung einen
völlig logischen Aufbau, der vorher so nicht planbar
gewesen ist.

Am Ende war die Fülle der Arbeiten und Entdeckungen so
überwältigend und doch bleibt für mich weiterhin
rätselhaft, was Kreativität eigentlich genau ist, dabei
waren wir mittendrin, sie war die ganze Zeit vibrierend spürbar…

Vielen Dank an alle, die dabei waren und sich mit
soviel Hingabe und Ausdauer dieser Mutprobe gestellt haben!

Ihr seid wunderbar gewesen!

 

Müßiggang

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 “Fundstücke
Erinnerungen
Bruchstücke von Ewigkeiten
durch die Zeiten hindurch gesammelt
fügen sich
zu Momenten
ohne Zweifel”

An manchen Tagen, wenn ich keine Ideen und gar keine Lust
auf meine Pflichten habe, spiele ich einfach so vor mich
hin mit Dingen, die ich irgendwann gefunden und gesammelt
habe, kleine Kieselsteine, Kristalle, Knöpfe, Stöckchen
und Federn, getrocknete Blätter, irgendwelche Schnipsel und Bändchen…

… und plötzlich ist alles wieder da!

In meinem Inneren erscheinen Bilder aus meiner Kindheit,
als ich eine Indianerin sein wollte und draußen im Wald
viele Abenteuer erlebt habe, Geschichten, die ich gelesen habe
und die mir auf geheimnisvolle Weise schon bekannt vorkamen.
Wie ich als Kind selber Geschichten erfinden konnte, Buden
aus Ästen, Lehm und Moos mit Freunden bauen konnte,
an Regentagen drinnen stundenlang gemalt habe…

Die Dinge scheinen mich an etwas erinnern zu wollen.
Sie sind wie ein Schlüssel zu meinem eigenen Leben,
zu dem, was ich auch in mir gesammelt habe und es im
hektischen Alltag mit seinen Scheinwichtigkeiten nur
vergessen habe.
Damals war irgendwie alles abenteuerlich und von
Erfindergeist beseelt…

Der Müßiggang flüstert mir zu, was mir eigentlich
wichtig ist und ich beginne zu spielen, nicht
selten kommt eine Arbeit dabei heraus, die mir
auf geheimnisvolle Weise schon bekannt und doch
neu und abenteuerlich vorkommt…

Wie bereitet ihr Ideen und Erinnerungen den Weg zu euch?
Was ist euer “Schlüssel”?

Vielfalt der Möglichkeiten

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Manchmal….

höre und sehe ich so viel,
werde von allen Seiten inspiriert, und doch
will sich die eigene Gestaltungskraft nicht zeigen.
Ich springe von Farbe zu Farbe, von Idee zu Idee,
bleibe an keiner richtig hängen, geschweige denn,
dass ich imstande wäre, sie zu formen, auszufüllen
oder ihr eigenes Leben einzuhauchen.
Was ist los?

Im Grunde gilt meine Aufmerksamkeit
dann ganz dem Zuströmen, Aufnehmen und
Sammeln der Impressionen der “Außenwelt”,
so dass ich meine innere, eigene
kreative Stimme gar nicht hören kann.

Ich muss warten, bis sich die EINdrücke gesetzt haben,
bis sie unter der Oberfläche gereift sind.
Ich muss mich gedulden…

Erst dann kann ich aus dieser Quelle schöpfen,
dann höre ich meine Stimme wieder
und kann -vielleicht- einigen wenigen von ihnen
einen eigenen AUSdruck verleihen.
Erst dann können Gefühl und Form eins werden…

Papier, Holz und Stein

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“Es gibt anscheinend zwei Musen: Die Muse der Inspiration,
die uns die unausgesprochenen Visionen und Wünsche beschert
und die Muse der Verwirklichung, die ständig wiederkehrt,
um uns zu sagen: “Es ist doch schwieriger als gedacht.”
Das ist die Muse der Form. Es kann durchaus sein,
dass die Muse uns dann am besten dient, wenn sie als
Hindernis fungiert, um uns zu verblüffen und uns vom
beabsichtigten Weg abzubringen.
Es kann sein, dass wir erst, wenn wir nicht mehr wissen,
was wir tun sollen, bei unserer eigentlichen Arbeit
angelangt sind, und dass wir erst, wenn wir nicht mehr wissen,
welchen Weg wir einschlagen sollen,
unsere eigentliche Reise begonnen haben.

Wenn der Geist nicht verblüfft ist, arbeitet er nicht….”

Dieses Zitat von W.Berry habe ich zufällig aufgeblättert
und es sprach mir aus der Seele.
Kreative Wege werden erst dann spannend, wenn man bereit ist,
seine Pläne aufzugeben und dem Neuen zu vertrauen.
Experimente zu wagen, neu hinzusehen, neue Wege einzuschlagen,
auch wenn das die Möglichkeit des Scheitern beinhalten kann…
aber eben auch ganz neue Freuden und Erkenntnisse!

Also, vertrauen wir der Muse als Wegweiserin…

Frühlingsausstellung

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Herzliche Einladung
zu unserer Ausstellung
und kleinem Frühlingsspaziergang
durch Gräfrath

Freitag, 24. April 11:00 bis 18:00 Uhr
Samstag, 25. April 11:00 bis 16:00 Uhr

Wir freuen uns auf Sie!
Sabine Danielzig
und ihre Schreibdamen

Warum Kalligraphie?

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Wie könnte sich eine Arbeit anfühlen, bei der gespielt wird mit dem Klang des Wortes, den Lauten der Gedanken, mit Schreiben und Linien, mit Farben und Werkzeugen in den Händen?

Kalligraphie könnte mit Geschichten und Gedichten spielen, sie
umschmeicheln, sie fühlbar machen, so als würde einem etwas von einem
vertrauten Menschen vorgelesen werden. Auch dort erlebt man im Lauschen
ganze Welten im eigenen Inneren. Farben funkeln, Düfte und Musik
erscheinen auf geheimnisvolle Weise klarer als im wirklichen Leben.
Sie könnte bezaubern, entführen in tiefere, zartere Empfindungsschichten.
Man möchte von ihr umfangen werden, sie hören, fühlen und betrachten zugleich..
Sie könnte unseren Geist, unsere Gedanken- und Gefühlswelten berühren.

Sie könnte? … Sie kann! …

Manchmal expressiv und roh, dann sanft und fein, gestochen scharf oder hinter weichen Schleiern fast verborgen. Sie kann abschweifen, sich verkringeln, auf fremde Kontinente in längst untergegangene Kulturen entführen. Alte, mit goldenen Zeichen durchwebte Bücher wehen mythische Geschichten zu uns herüber und machen sie träumerisch lebendig. Sie kann aber auch klecksen, unsere Geduld und Aufmerksamkeit herausfordern, Fragen und schwierige Aufgaben stellen…

Sie bietet uns immer einen Dialog an.

Neue Räume betreten

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Meinen ersten Blogbeitrag möchte ich mit einem Zitat von Georges Perec beginnen:

“Der Raum ist ein Zweifel,
ich muss ihn unaufhörlich abstecken,
ihn bezeichnen; er gehört mir niemals,
er wird mir nie gegeben, ich muss ihn erobern.”

Diese Worte begleiten mich seit langem, weil sie ebenso zu einem unbeschriebenen Blatt Papier passen, das gestaltet werden soll, wie zum Aufbruch in unbekannte Landschaften, zu einer Begegnung mit bisher fremden Menschen und zu den täglichen Herausforderungen überhaupt.
Sie machen mir Mut, etwas Neues zu wagen, auch wenn es nicht immer leicht ist…

Auch der BLOG ist ein neuer Raum für mich. Ich möchte ihn betreten, um zum Austausch und Teilen von Erfahrungen rund um das Thema Kalligraphie einzuladen.

Über Rückmeldungen freue ich mich sehr!
HERZLICH WILLKOMMEN auf diesen Seiten!