Archiv für den Monat: Januar 2020

BILD und ABBILD

Ein hochkomplexes Thema, das die Menschen schon seit der Antike beschäftigt und von Philosophen immer wieder von neuem betrachtet wird.

Stellt ein Abbild die Wirklichkeit dar? Oder ist es nur ein impulsgebender Ausschnitt, der den Betrachter herausfordert, das dargestellte Bild mit seinem eigenen Wissen, der Erfahrung und seinen sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten zu ergänzen?

Was passiert, wenn wir einen Gegenstand abzeichnen, und was, wenn wir einen emotionalen Text kalligraphisch umsetzen? Vielleicht hilft das Abbild zu einem tieferen Verständnis. „Was wir in die Hand nehmen, nehmen wir in unser Herz“, sagt ein Sprichwort. Jedenfalls scheint mir der Apfel, den ich stundenlang und mühevoll abgezeichnet habe, ein anderer zu sein, als er vorher war…. Ich habe mich mit ihm vertraut gemacht. Ich kenne plötzlich seine Schattierungen, seine glatten und rauen Stellen, seine eigenen Rundungen und Einbuchtungen, die gleichmäßig wie bei allen Äpfeln sind und doch bei ihm plötzlich einzigartig scheinen.

Wenn ich einen Text schreibe und mir überlege, welche Schrift und welches Format passen könnte, wenn ich Papier, Feder und Farbe auswähle, ist das erst der Anfang, aber dann verwandelt er sich während des Schreibens in mir zu etwas anderem: er wird Bild, Geschichte, Erinnerung, Gefühl, Musik… Manchmal entsteht sogar eine Art Dialog mit dem Dichter. Jedenfalls ist die Empfindung eine viel intensivere als beim bloßen Lesen!
Möglicherweise ist der Unterschied nicht so sehr in Abbild und Bild zu finden, sondern vielmehr im eigenen Prozess auf dem Weg von außen ins Innere und zurück aufs Papier entscheidend.
Im Tun stellen und lösen sich Fragen, manchmal rücken sie auch völlig in den Hintergrund. Die Hände arbeiten, das Auge ändert seine Sehgewohnheiten und irgend etwas weitet auch die Persönlichkeit, weil wir mehr WAHRnehmen…