BE-SINNUNG Nachdenken über Schrift

 

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Der Verlust der Handschrift in unserer Kultur ist ein Thema, das
immer wieder an mich herangetragen wird… eigentlich höre ich
dazu wenige neue Aspekte als Frustration über die “handschriftlose”
Jugend und die Beziehung zwischen Handschrift und Persönlichkeit,
das Ganze gewürzt mit Schelte auf die neuen Medien. Dazu hat
neulich ein Radiosender angefragt, was ich “als Fachfrau” zu
Handschrift, Handlettering und Kalligraphie meine…
Es wird also Zeit, dass ich mir dazu ein paar konkrete Gedanken mache!

Um es vorweg zu sagen, ich gehöre nicht zu den “Schrift-Fundamentalisten”,
denn “früher” war sicher nicht alles besser. Die Kinder mussten Schrift
unter Druck und Repressalien lernen, Linkshänder wurden “um-erzogen”,
ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das persönlichkeits-
fördernd wirken soll!
Aus meiner eigenen Praxis und den Beobachtungen in Kalligraphie-
Seminaren kann ich jedoch feststellen, dass man auf einem Stück
Papier sehr wohl die Facetten seiner Persönlichkeit kennenlernen kann,
und das müssen nicht immer die angenehmsten sein…
wie gesagt, “das Selbst verdoppelt sich in der Geste der Schrift”. V.F.

Es gibt wissenschaftliche Studien über den Wert der Handschrift, aber
warum wenden sich die Schulsysteme und die Gesellschaft derzeit
davon ab, obwohl doch scheinbar bewiesen ist, wie unverzichtbar sie ist?
Vielleicht hat die moderne Welt einfach allgemein wenig Zeit für all die
Dinge, die die SINNE ansprechen. Allenfalls hobbymäßig hat Schrift eine
Bedeutung wie neuerdings der Erfolg des “Handletterings” zeigt.
Es ist in meinen Augen eine schöne Wiederentdeckung der Handschrift,
oder ein Einstieg in die Kalligraphie, es ist vor allem alltagstauglich für
Grüße und Wünsche. Und es zeigt die Lebendigkeit der Schrift,
auch und gerade im digitalen Zeitalter!

Aber Schreiben ist mehr!
Schreiben ist ein sinnliches UND geistiges Erlebnis!
Dabei bin ich ganz “bei mir”, erlebe mich als Ganzheit.
Spontan, intuitiv und doch bewusst handelnd in konzentrierter,
selbstvergessener Gelassenheit.
Schreiben ist ein Mitschwingen in den eigenen Rhythmus, bedeutet
Resonanz und Erfahrung, Austausch und Begegnung mit mir selbst
und der Welt, in der ich lebe. Es lässt die künstlerische, schöpferische
Seite in mir lebendig werden, manchmal nur für Augenblicke.
Der persönliche Ausdruck von Gedanken in Worte
und in Schrift ist ein hohes freiheitliches Gut. Es ist weit mehr als
ein Hobby, Schreiben ist aktive Gestaltung unserer Gesellschaft.

Abschließend dazu einige Gedanken von Jaume Plensa:

Ein BUCHSTABE
gleicht einer mit einem Gedächtnis begabten Zelle. Eine Letter in
einem Alphabet ist etwas sehr präzises, das über Generationen
hinweg entwickelt wird und der beste Ausdruck für Kultur.
Eine Zelle allein ist biologische gesehen gar nichts, aber zusammen
mit anderen bildet sie ein Organ oder einen Körper, und so ist es
auch mit Buchstaben. Jeder Buchstabe bewahrt sein Gedächtnis
und seine Persönlichkeit, auch wenn er dem komplexeren Körper,
dem bedeutungsvollen Text dient.
Darin liegt in meinen Augen eine schöne Metapher für Vielfalt.
Mit Text lässt sich Kultur machen, und mit einer Kultur lässt
sich alles machen.

 

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